Der Postbote klingelt, er gibt das Paket ab, deine neue, gebrauchte, analoge Kleinbildspiegelreflexkamera kam endlich an!

 

Das Paket wird gierig aufgerissen, die Kamera betrachtet, angefasst, gestreichelt (?), mit ihr gespielt...und was liegt dort noch in dem Paket: eine analoge Messsucherkamera. Du denkst: wie geil ist das denn!! Also schnell einen Film einlegen und raus geht es, Fotos wollen gemacht werden! Völlig verständlich!! Aber...

STOPP!!

Viele von euch kennen sicherlich die grundlegenden Zusammenhänge zwischen dem Licht, der Blende und der Verschlusszeit, wer sich nicht ganz sicher ist, der darf gerne noch etwas verweilen und weiter lesen...bitte erwartet keinen wissenschaftlichen Beitrag, der Text ist absichtlich leicht verständlich gehalten. Wer mehr will...das Netz ist groß!

Blende und Verschlusszeit

 

Der Film liegt in der Kamera gut verpackt vor Licht geschützt.

Damit aber ein Bild entstehen kann, muss Licht auf den Film treffen. Auf dem Film befinden sich lichtempfindliche Farb-Schichten oder bei Schwarz-Weiß-Filmen Silberionen. Diese Farbschichten oder Silberionen sind auch für das „Korn“ und den „Detailreichtum“ eines Filmes verantwortlich.

 

Die Menge des auf den Film einwirkenden Lichtes steuern wir über die Blende – wie die Pupille bei Mensch und Tier – sowie über die Dauer des Lichteinfalls durch die Verschlusszeit (Belichtungszeit).

Die Blendenreihe in ganzen Blendenstufen sieht so aus:

1 - 1,4 - 2 - 2,8 - 4 - 5,6 - 8 - 11 - 16 - 22 - 32 - 64

Daneben gibt es noch Zwischenstufen, die als Halbe- oder Drittelblende bezeichnet werden; halbe Blendenstufen sehen so aus:

1 - 1,2 - 1,4 - 1,8 - 2 - 2,5 - 2,8 - 3,5 - 4 - 4,5 - 5,6 - 8 - 9,5 - 11 - 13 - 16 - 19 - 22 - 27 - 32 - 45 - 64

Blendenlamellen

 

Die Blende regelt aber noch etwas sehr wichtiges in der Photographie! Sie bestimmt neben der am Objektiv eingestellten Entfernung den Bereich, der zusätzlich scharf abgebildet wird, dies ist die Schärfentiefe.

Durch die Steuerung der „scharf“ abgebildeten Bereiche eines Bildes wird die Bildwirkung wesentlich beeinflusst! Daher ist die Wahl der richtigen Blende ein äußerst wichtiges in der Photographie!!

Grundsätzlich kann ein Objektiv nur auf eine Ebene im Bild scharfstellen oder fokussieren. Alle Bereiche davor oder dahinter werden mehr oder weniger scharf abgebildet.

 

Durch die Blende (Blendenöffnung), abgekürzt - f - kann dieser Bereich aber ausgedehnt werden.

Generell gilt folgendes:

 

Große Blende = Blende ist weit offen = kleine Zahl = geringe Schärfentiefe = nur ein kleiner Bereich wird scharf abgebildet!

 

Kleine Blende = Blende wird enger = große Zahl = große Schärfentiefe = ein weiterer Bereich wird scharf abgebildet!

 

Schaut euch doch dazu einmal die Schärfentiefenskala auf den Objektiven an!

Canon FD 1,4 50mm Arbeitsblende 4, aperture 4

 

Die Schärfentiefe ist weiterhin abhängig von der verwendeten Brennweite: Einfach gesagt besitzen Weitwinkelobjektive eine größere Schärfentiefe als Normalobjektive, Normalobjektive wiederum weisen eine größere Schärfentiefe als Teleobjektive auf.

 

Im Nahbereich ist die Schärfentiefe zusätzlich bei allen Objektiven kleiner als im Fernbereich.

 

Der Fotograf sagt korrekt, dass die erreichbare Schärfentiefe vom Abbildungsmaßstab abhängt.

Die Verschlusszeit oder Belichtungszeit

Die Verschlusszeit kann Bewegungen des Motivs einfrieren (Bewegungsunschärfe vermeiden) und verhindert das Verwackeln durch das Halten der Kamera-Objektivkombination ("Verwacklungsunschärfe" vermeiden). Natürlich kann durch eine längere Verschlusszeit ebenso bewußt Bewegung im Bild dargestellt werden. Bei dem Bild der Windkraftanlagen wurde die Kamera auf ein Stativ montiert. So kann eine Verwacklung bei längeren Belichtungszeiten vermieden werden, das Drehen der Anlage wird durch eine längere Belichtungszeit, hier 1/3 sek., sichtbar ("Bewegungsunschärfe").

Getreide, Windkraft
 

 

In unten stehender Tabelle habe ich euch ein paar Tipps bezüglich der Anwendung von Belichtungszeiten gegeben.

Tabelle der gebräuchlichen Verschlusszeiten in Sekunden in ganzen Stufen

Verschlusszeit und Verwacklung 01 WEB.jp

Gut zu wissen!

Objektiv Canon FD 1,4 50mm

 

Um Verwacklungsunschärfe auszuschließen gibt es noch eine einfache Regel:

Verwende immer den Kehrwert der Brennweite als längste Verschlusszeit und sorge für einen ruhigen, sichern Stand und halte zur Not kurz die Luft an!

Hier ein paar Beispiele für den "Kehrwert der Brennweite":

Bei einem 50 mm Objektiv wäre dies 1/50 sek.; dies entspricht 1/60 sek. Belichtungszeit.

Bei einem 135 mm Objektiv wäre dies 1/135 sek.; dies entspricht der 1/125 sek. Belichtungszeit.

Bei einem 200mm Objektiv wäre dies 1/200 sek.; dies entspricht der 1/250 sek. Belichtungszeit.

 

Neben der Verwacklungsunschärfe gibt es noch die Bewegungsunschärfe.

Sie entsteht immer dann, wenn sich das Motiv auf die Kamera zu- oder fortbewegt.

Denke an schnell fahrende Autos oder an Kinder, die beim Sport oder beim Toben laufen, springen und hüpfen.

 

Hier sind generell kurze Verschlusszeiten notwendig. Unter 1/250 sek. oder 1/500 sek. geht gar nichts. Moderne analoge Kameras bieten eine Verschlußzeit von bis zu 1/8000 sek., andere Modell 1/1000 sek. oder 1/2000 sek.

 

Diese "Drei Freunde" agieren immer zusammen: Blende - Belichtungszeit - Filmempfindlichkeit

In diesem Beispiel zeige ich euch den Zusammenhang zwischen Blende und Belichtungszeit (Verschlusszeit).

Unser Belichtungsmesser hat den Wert 1/60 sek. bei Blende 8 ermittelt - egal mit welcher Automatik, ob Zeit- Blendenautomatik oder Programmautomatik. Von diesem Ausgangswert führen alle hier gezeigten Kombination zu einem korrekt belichteten Bild, nur die Gestaltungsmöglichkeiten sind andere - siehe die Informationen zu Blende und Zeit weiter oben!

Tabelle 1

 

 

Doch was passiert, wenn wir andere Filme in unsere Kamera einlegen, die unterschiedliche (Licht-)Filmempfindlichkeiten haben?

Im Beispiel oben hat unser Film eine Empfindlichkeit von ISO / ASA 100. In der folgenden Tabelle seht ihr die Unterschiede - die in der Tabelle 1 gewählte Blende 8 wird in diesem Beispiel nicht verändert.

Doch denkt daran, je höher die Filmempfindlichkeit, desto mehr Korn seht ihr auf dem fertigen Bild, der Detailreichtum nimmt ab und oft leidet auch die Farbbrillanz.

Schaut auch die Tabelle an!

Tabelle 2

 

Natürlich kann nicht nur die Belichtungszeit angeglichen werden, sondern auch die Blende oder eine Kombination von beiden. Ein paar Möglichkeiten davon seht ihr in der folgenden Tabelle 3. Ausgangswert ist wieder 1/60 sek. bei Blende 8 und einem Film der (Licht-)Empfindlichkeit von ISO / ASA 100 - DIN 21

Tabelle 3

Alles halb so schwierig, aber diese grundlegenden Gedanken solltet ihr im Hinterkopf behalten, wenn ihr mit euren Kameras unterwegs seit. Und egal wieviele Belichtungsautomatiken es gibt, Zeit-, Blenden- oder Programmautomatiken - letztendlich gibt es nur Blende und Zeit. Der bewußte Einsatz kann euch einmalige Bilder verschaffen!

Datenblatt Kodak Ektachrome 400

Hier ein Beispiel eines Datenblattes eines nicht mehr verfügbaren Films. Es enthält einige interessante Aussagen, die euch sicher hilfreich sein könnten.

Viel Spaß beim Lesen - ich liebte diesen Film.

Datenblatt Kodak Ektachrome 400
Canon EF Brennweitenvergleich

 

Canon zeigte in einem Prospekt über das Canon EOS-System diesen Brennweitenvergleich. Die Bilder wurden vom selben Standpunkt aus aufgenommen, nur die Objektive wurden gewechselt. Ein schönes Beispiel zu. Vergleich der verschiedenen Brennweiten!

 

Jetzt aber raus mit euch! Viel Freude mit der neuen Kamera und beim Entdecken der analogen Fotografie!

Denkt immer daran:

Egal womit du fotografierst,

Hauptsache du fotografierst.